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(Fussnote 117) [...] Im Frühjahr des Jahres 1919 erscheinen in der renommierten Londoner Zeitschrift Athenæum zwei "Letters from France", verfaßt von dem französischen Dichter P. Valéry. Entscheidend geprägt sind diese beiden Briefe, die Valéry noch im selben Jahr als Essay unter dem Titel "La crise de l ́esprit" im französischen Original veröffentlicht, von der Erfahrung des erst wenige Monate zuvor zu Ende gegangenen Weltkrieges und von dem klaren Bewußtsein, dass dieser Krieg einen epochalen Einschnitt in der Geschichte Europas markiert. (Die Schrift ist abgedruckt in: J. Hytier (Hrsg.), P. Valéry, OEuvres, 1957, T.I, S.988ff).

Valéry begreift dabei die Krise Europas nicht nur in ihrer militärischen politischen und wirtschaftlichen Dimension. Diese Krise Europas sei in erster Linie eine Krise des Geistes jenes "esprit européen" der die eigentliche Essenz Europas ausmache und seine Zivilisation von allen anderen unterscheide. Für den Cartesianer Valéry ist dieser europäische Geist nichts anderes als der Geist der Wissenschaft wie er sich auf dem Kontinent seit der griechischen Antike herausgebildet habe und wie er zu Beginn der Neuzeit von L. da Vinci exemplarisch verkörpert wurde.

Valéry artikuliert in seiner Schrift in charakteristischer Weise ein ausgeprägtes Bewußtsein von der Dekadenz Europas wie es in vielfältiger Form auch bei anderen europäischen Schriftstellern in den Jahren nach dem Ende des 1 Weltkrieges zu finden ist. Als ein Beispiel unter vielen anderen möglichen sei hier aus dem deutschen Sprachraum nur H v Hofmannsthal mit seinem Essay des Jahres 1922 mit dem Titel "Blick auf den geistigen Zustand Europas" angeführt. (Der Text findet sich bei P.M. Lützeler (Hrsg.), Hoffnung Europa. Deutsche Essays von Novalis bis Enzensberger, Frankfurt a. M. 1994, S. 258ff.). Vergleichbare Belege für ein ausgeprägtes europäisches Krisenbewußtsein aber finden sich auch bei O. Spengler in seinem "Untergang des Abendlandes" (1918/22), bei S. Zweig, vor allem in seiner Autobiographie "Die Welt von gestern. Erinnerungen eines Europäers." (postum1944), in Spanien bei J. Ortega Y Gasset in seinem "Aufstand der Massen" (1929) oder später in England bei A. Toynbee in seiner Universalgeschichte "A Study of History" (1934-61).

Valérys Schrift "La crise de l'esprit" kann als der erste bedeutende Beitrag zu einer Debatte über Europa betrachtet werden die in den zwanziger Jahren auf dem gesamten Kontinent mit besonderer Intensität aber in Frankreich und Deutschland geführt worden ist. Europa wird in beiden Ländern zum Thema einer kaum zu zählenden Anzahl von Essays und Aufsätzen ja sogar zum Gegenstand von zumeist allerdings eher zweitrangigen Romanen Novellen und Gedichten.

[...]

(einen Überblick mit zahlreichen bibliographischen Angaben gibt P. M. Lützeler, Die Schriftsteller und Europa Von der Romantik bis zur Gegenwart München 1992 S 272 ff sowie V. Steinkamp, Die Europa Debatte deutscher und französischer Intellektueller nach dem Ersten Weltkrieg ZEI Discussion paper, 1999.

1. Im Frühjahr des Jahres 1919 erscheinen in der renommierten Londoner Zeitschrift Athenæum zwei Letters from France, verfaßt von dem französischen Dichter Paul Valéry. Entscheidend geprägt sind diese beiden Briefe, die Valéry noch im selben Jahr als Essay unter dem Titel La crise de l ́esprit im französischen Original veröffentlicht, von der Erfahrung des erst wenige Monate zuvor zu Ende gegangenen 1. Weltkrieges und von dem klaren Bewußtsein, daß dieser Krieg einen epochalen Einschnitt in der Geschichte Europas markiert.

[...]

Valéry begreift die Krise Europas mithin nicht nur in ihrer militärischen, politischen und wirtschaftlichen Dimension. Diese Krise Europas ist für ihn, der gegenüber der Welt der Politik und der Geschichte stets eine starke Abneigung bekundet hat, in erster Linie eben eine Krise des Geistes, jenes esprit européen, der die eigentliche Essenz Europas ausmache und seine Zivilisation von allen anderen unterscheide. Für den Cartesianer Valéry ist dieser europäische Geist nichts anderes als der Geist der Wissenschaft, wie er sich auf dem Kontinent seit der griechischen Antike herausgebildet habe und wie er zu Beginn der Neuzeit von Leonardo da Vinci exemplarisch verkörpert werde.

[..] so artikuliert sich in seiner Schrift in charakteristischer Weise ein ausgeprägtes Bewußtsein von der Dekadenz Europas, wie es in vielfältiger Form auch bei anderen europäischen Schriftstellern in den Jahren nach dem Ende des 1. Weltkrieges zu finden ist. Als ein Beispiel unter vielen anderen möglichen sei hier aus dem deutschen Sprachraum nur Hugo von Hofmannsthal angeführt, der noch vier Jahre nach Kriegsende in einem Essay des Jahres 1922 mit dem Titel Blick auf den geistigen Zustand Europas konstatiert:

[..]

Valérys Schrift "La crise de l´esprit" kann als der erste bedeutende Beitrag zu einer Debatte über Europa betrachtet werden, die in den zwanziger Jahren auf dem gesamten Kontinent, mit besonderer Intensität aber in Frankreich und Deutschland geführt worden ist. Europa wird in beiden Ländern zum Thema einer kaum zu zählenden Anzahl von Essays und Aufsätzen, ja sogar zum Gegenstand von zumeist allerdings eher zweitrangigen Romanen, Novellen und Gedichten.

(Fussnote 1) Die Schrift ist abgedruckt in: P. Valéry, Œuvres, hg. v. J. Hytier, Paris (Pléiade) 1957, T. I, S. 988 - 1013 (hier S. 988f.).[...]

(Fussnote 3) Der Essay findet sich abgedruckt in der sehr nützlichen Textsammlung Hoffnung Europa. Deutsche Essays von Novalis bis Enzensberger, hg. v. Paul Michael Lützeler, Frankfurt a. M. 1994, S. 258 - 261 (hier S. 258). Vergleichbare Belege für ein ausgeprägtes europäisches Krisenbewußtsein aber lassen sich auch bei Oswald Spengler in seinem Untergang des Abendlandes, bei Stefan Zweig, vor allem in seiner Autobiographie Die Welt von gestern, in Spanien bei José Ortega Y Gasset in seinem Aufstand der Massen oder später in England bei Arnold Toynbee in sei- ner Universalgeschichte A Study of History finden.

(Fussnote 4) Einen Überblick mit zahlreichen bibliographischen Angaben gibt Paul Michael Lützler, Die Schriftsteller und Europa. Von der Romantik bis zur Gegenwart, München 1992, S. 272 - 364.

Übernommen aus
Volker Steinkamp,
Die Europa-Debatte deutscher und französischer Intellektueller nach dem Ersten Weltkrieg
In: Zentrum für Europäische Integrationsforschung, Discussion Paper C 49 1999
Link: http://www.zei.de/download/zei_dp/dp_c49_steinkamp.pdf

Fragment: http://de.guttenplag.wikia.com/wiki/Fragment_055_110-142


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